Sprache wirkt
Aktualisiert: 7. Sept.
Vor einiger Zeit wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir auf unserer Webseite den Begriff „kinderlos“ verwenden. Eine Rückmeldung, für die wir sehr dankbar sind. Wir haben den Begriff auf kinderfrei geändert und werden in Zukunft auch dieses Wording benutzen im Kontext von Personen, die sich selbstbestimmt für ein Leben ohne Kinder entscheiden.
Die Rückmeldung hat uns generell dazu gebracht, unsere Sprache nochmals genauer zu betrachten. Denn für uns ist klar: Worte prägen, wie wir über Menschen, deren Entscheidungen und Lebensentwürfe denken. Und wir möchten mit unserer Sprache inkludieren und sichtbar machen.
Eine Einordnung am Beispiel kinderlos / kinderfrei
Auf den ersten Blick mögen die beiden Begriffe kinderfrei und kinderlos ähnlich erscheinen. Beide beschreiben Menschen ohne eigene Kinder.
Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied.
Der Begriff „kinderlos“ wird traditionell für Menschen verwendet, die keine Kinder haben – unabhängig davon, ob dies eine bewusste Entscheidung oder eine ungewollte Situation ist. Viele Menschen verbinden mit dem Wort einen Mangel oder Verlust. Es klingt, als würde etwas fehlen.
Genau deshalb verwenden viele Menschen, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben, den Begriff „kinderfrei“.

Der Begriff kinderfrei entstand im englischsprachigen Raum als „childfree“ und wird seit den 1970er-Jahren zunehmend verwendet. Während „childless“ häufig das Fehlen von Kindern beschreibt, betont „childfree“ die Freiwilligkeit und die bewusste Entscheidung für ein Leben ohne eigene Kinder. Für viele Betroffene macht diese sprachliche Unterscheidung einen wichtigen Unterschied.
Warum Sprache wirkt und mehr ist nur einzelne Wörter
Manche Personen denken vielleicht: Es ist doch nur ein Wort. Oder man hört, diese ganze angepasste Sprache sei schwierig, anstrengend und man könne es eh niemandem mehr recht machen.
Wir sind der Meinung: Unsere Sprache wirkt und prägt uns ein ganzes Leben lang. Wörter haben teilweise schon Jahrhunderte auf ihre Weise in der Gesellschaft gewirkt und bringen diese Bedeutung mit. Deshalb beeinflusst die Sprache, wie wir andere Menschen und ihre Entscheidungen wahrnehmen.
Wenn entsprechend von einer Person gesagt wird, sie sei „kinderlos“, schwingt häufig mit, dass etwas fehlt oder dass ein bestimmter Lebensweg nicht erreicht wurde. Das muss nicht so gemeint sein – kann aber durch die gesellschaftliche Bedeutung des Wortes so wirken.
„Kinderfrei“ hingegen beschreibt einen Lebensentwurf, ohne ihn als Defizit darzustellen.
Gerade im Bereich der freiwilligen Sterilisation begegnen Betroffene immer wieder Vorstellungen darüber, wie ein „normales“ oder „erfülltes“ Leben auszusehen hat. Die Entscheidung gegen eigene Kinder wird häufig hinterfragt, angezweifelt oder relativiert.
Die Sprache, die wir in diesem Rahmen verwenden, soll solche gesellschaftlichen Erwartungen sichtbar machen und den Personen das Gefühl geben: Du bist richtig so wie du bist. Deine Entscheidung hat genauso Berechtigung wie jede andere auch.
Sprache und reproduktive Selbstbestimmung
Das Beispiel von „kinderlos“ und „kinderfrei“ steht nicht allein.
Auch in Diskussionen über Schwangerschaft, Verhütung, Sterilisation oder Elternschaft werden Begriffe oft nicht neutral verwendet.
Worte wie „natürlich“, „normal“ oder „richtige Familie“ transportieren Vorstellungen darüber, wie Menschen leben sollten.
Deshalb lohnt es sich, Sprache immer wieder zu hinterfragen:
Welche Annahmen stecken hinter bestimmten Begriffen?
Welche Lebensentwürfe werden sichtbar gemacht – und welche nicht?
Wer definiert, was als selbstverständlich, normal oder richtig gilt? Und wie wäre es, wenn wir das hinterfragen?
Solche Fragen sind nicht nur sprachlich interessant. Sie berühren grundlegende Fragen von Autonomie, Vielfalt und reproduktiver Gerechtigkeit.
Auch wir lernen dazu
Als Verein beschäftigen wir uns mit reproduktiver Gerechtigkeit. Trotzdem sind auch wir nicht frei von Gewohnheiten, gesellschaftlichen Prägungen oder blinden Flecken.
Deshalb sind wir dankbar für Hinweise, Perspektiven und konstruktive Rückmeldungen.
Rückmeldungen wie die oben genannte helfen uns dabei, unsere Arbeit, uns als Verein und uns als einzelne Personen weiterzuentwickeln.
Wie verwendet Bewusst steril die Begriffe?
Wenn es um Menschen geht, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben, verwenden wir künftig den Begriff „kinderfrei“.
Gleichzeitig respektieren wir, dass Menschen unterschiedliche Begriffe für sich selbst wählen. Manche bezeichnen sich als kinderfrei, andere als kinderlos, wieder andere verwenden keine dieser Bezeichnungen.
Entscheidend ist nicht, welches Wort „richtig“ ist.
Entscheidend ist, dass Menschen ihre Lebensrealität selbst benennen dürfen.



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